Warum «AI First» der falsche Ansatz für Schweizer KMU ist
Von Timo Streule
· 5 min
Trend-Opinion KI
Stell Dir vor: Montagmorgen, 8 Uhr, ein Treuhandbüro in Zürich. Der Senior-Partner öffnet seinen Laptop, tippt einen Auftrag in ChatGPT und lässt sich einen Vertragsentwurf generieren. Fünf Minuten statt fünf Stunden. Der Junior, der diesen Entwurf normalerweise erarbeitet hätte, sitzt daneben und scrollt durch seine Mails. Willkommen in der neuen Arbeitswelt.
Die Schlagzeilen sind voll davon: neue KI-Modelle, Milliarden-Investments, Tools, die ganze Branchen umkrempeln sollen. Das Credo ist überall dasselbe: «AI First». Wer bei einem neuen Projekt nicht sofort an KI denkt, gilt als rückständig. Und so investieren laut der AI Maturity Study 2026[^1] über 70 % der Schweizer Firmen in KI. Doch das Geld versickert oft in wenig durchdachten Use Cases. Statt dem erhofften Durchbruch geht es vielerorts darum, «irgendetwas mit KI» vorweisen zu können.
Wir bei Septhos sind überzeugt, dass dieser Ansatz für Schweizer KMU in die Sackgasse führt. Unser Gegenentwurf: «People First, AI Second». Warum das auch für Dich der bessere Weg ist, erfährst Du in diesem Beitrag.
Das Lehrlings-Dilemma
Bleiben wir beim Treuhandbüro von vorhin. Oder nehmen wir eine Anwaltskanzlei. Erst im Februar 2026 hat Anthropic neue Legal-Funktionen für seinen KI-Agenten lanciert[^2], die juristische Recherchen in Sekundenbruchteilen erledigen. Die Börsen reagierten euphorisch.
Aber schauen wir genauer hin. Früher brauchte der Senior-Partner seine Juniors. Nicht als billige Arbeitskraft, sondern als Investition. Die Juniors werteten Dokumente aus, führten Recherchen durch, formulierten Vertragsentwürfe vor. Der Senior kontrollierte, korrigierte, erklärte. So entstand über Jahre ein Mittelbau aus kompetenten Fachleuten.
Heute kippt dieses Modell. Der Partner tippt seinen Auftrag in ChatGPT, bekommt in Minuten einen brauchbaren Entwurf und fragt sich: Warum zahle ich eigentlich noch einen Junior?
Die Antwort ist unbequem aber wichtig: Weil ein Junior zum Senior wird, indem er übt, scheitert und daraus lernt. Kappen wir diesen Prozess durch unreflektierten KI-Einsatz, bleiben bald nur noch zwei Extreme: Anfänger, die Prompts abfeuern, und überlastete Experten, die halluzinierte Fehler ausbügeln.
Niemand bezahlt Juniors aus Solidarität. Man tut es, weil sie die Seniors von morgen sind. Der fehlende Mittelbau wird zur strategischen Zeitbombe. Besonders für Dienstleister, die von ihrer Expertise leben.
Der blinde Fleck beim Datenschutz
«AI First» heisst in der Praxis fast immer «Cloud First». Und hier wird es heikel.
Stell Dir eine ganz normale Situation vor: Eine Mitarbeiterin im KMU bekommt eine komplizierte Kundenmail. Sie will schnell eine professionelle Antwort formulieren, kopiert die Mail in ChatGPT, lässt sich einen Entwurf generieren und schickt ihn ab. Erledigt in zwei Minuten. Niemand hat etwas bemerkt.
Aber was ist gerade passiert? Die komplette Kundenkorrespondenz, inklusive Name, Vertragsnummern und möglicherweise sensibler Finanzdaten, liegt jetzt auf einem Server in den USA.
Laut der AXA KMU-Arbeitsmarktstudie[^3] nutzen mittlerweile 34 % der Schweizer KMU (Vorjahr: 22 %) KI in ihren Arbeitsprozessen. Gleichzeitig hat nur rund ein Drittel dieser Unternehmen klare Regeln definiert, welche Daten in KI-Tools eingegeben werden dürfen.
Die Konsequenz ist ernüchternd: Jeder Prompt, jedes hochgeladene PDF und jede kopierte Kunden-E-Mail, die an OpenAI, Anthropic, Google oder andere Anbieter geht, verlässt die eigene Unternehmensumgebung. Amerikanische Behörden können über den US CLOUD Act auf diese Daten zugreifen. Und die Eingaben werden potenziell zum Training neuer, öffentlicher Modelle verwendet.
Wer «AI First» ruft, ohne vorher die digitale Souveränität zu klären, riskiert nicht nur rechtliche Probleme unter dem EU AI Act. Er riskiert das wichtigste Kapital eines Dienstleisters: das Vertrauen seiner Kunden.
Deshalb beschäftigen wir uns bei Septhos intensiv mit Alternativen wie dem Self-Hosting von lokalen Sprachmodellen (LLMs), um die Datenhoheit vollständig im Unternehmen zu behalten.
Empathie lässt sich nicht prompten
Zurück zu unserem Treuhandbüro. Der Senior-Partner hat jetzt ein effizientes Setup: KI generiert die Entwürfe, er kontrolliert sie, der Kunde bekommt schneller eine Antwort. Alles bestens?
Nicht ganz. Denn letzte Woche sass ein langjähriger Kunde im Büro. Familienunternehmen, dritte Generation, die Übergabe an die Tochter steht an. Es ging nicht nur um Steueroptimierung und Vertragsrecht. Es ging um Ängste, um Familiengeschichte, um ein Lebenswerk. Der Senior-Partner wusste genau, welche Fragen er stellen musste und welche er besser nicht stellte. Nicht weil er es irgendwo nachgeschlagen hatte, sondern weil er diese Familie seit fünfzehn Jahren begleitet.
Dieses implizite Wissen entsteht durch Erfahrung, durch Fehler und durch menschliche Zusammenarbeit. Es wächst in Teams, die sich gegenseitig fordern und korrigieren. Es lässt sich nicht in einen Prompt packen.
Die AXA-Studie zeigt, dass sich bei einem Drittel der KI-nutzenden KMU das Anforderungsprofil an Mitarbeitende bereits spürbar verändert hat. Die Technologie verändert nicht nur Prozesse, sondern das Wesen der Arbeit. Doch wer seinen USP ausschliesslich in der schnellen Verarbeitung von Informationen sieht, wird von der KI ersetzt. Die wahre Stärke eines Schweizer Dienstleisters liegt woanders: im Zwischenmenschlichen, in der kreativen Lösungsfindung, in der Empathie bei Kundenkrisen und in der Branchenerfahrung, die sich über Jahre aufbaut.
«People First, AI Second» in der Praxis
All das heisst nicht, dass wir KI ignorieren sollten. Im Gegenteil: Künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben. Aber die Menschen waren zuerst da.
Unser Ansatz «People First, AI Second» bedeutet konkret:
- Zuerst das Team verstehen. Wo liegen die echten Schmerzpunkte? Wo verschwindet wertvolle Zeit in sinnlosen manuellen Prozessen? Bevor man über Tools redet, muss man mit den Leuten reden.
- Dann die Daten sichern. Wie lassen sich intelligente Systeme nutzen, ohne sensible Kundendaten in fremde Clouds zu schicken? Digitale Souveränität und Self-Hosting sind keine Buzzwords, sondern Notwendigkeit.
- Dann gezielt unterstützen. Technologie soll menschliche Fähigkeiten erweitern, nicht den Menschen und seinen Lernprozess ersetzen.
Zurück zum Treuhandbüro: Wenn es sein Dokumentenmanagement mit KI-gestützter Belegerfassung automatisiert, um dem Team mühsame Abtipp-Arbeit abzunehmen und wieder Zeit für die strategische Beratung zu schaffen, dann ist das «People First». Wenn es aber den Junior durch einen Chatbot ersetzt, um kurzfristig Lohnkosten zu sparen, zerstört es das Fundament, aus dem morgen die Expertise wachsen soll.
Fazit
Der blinde «AI First»-Ansatz ist für Schweizer KMU gefährlich, weil er zwei Dinge ignoriert: den langfristigen Kompetenzaufbau und die Realität des Datenschutzes.
Die Unternehmen, die in den nächsten Jahren gestärkt aus der digitalen Transformation hervorgehen, sind nicht die, die am lautesten «KI!» rufen. Es sind die, die ihre Mitarbeitenden mitnehmen, ihre Daten souverän kontrollieren und Technologie dort einsetzen, wo sie Menschen wirklich entlastet.
«People First» heisst auch: dem Team mühsame Arbeit abnehmen, statt Know-how zu ersetzen. Genau darum geht es bei Septhos: smarte, lokale KI-Lösungen einzusetzen, die Deine Mitarbeitenden entlasten und gleichzeitig sensible Kundendaten vollständig in der eigenen Infrastruktur halten.
[^1]: AI Maturity Study 2026 – ti8m [^2]: Wie KI den Alltag von Juristen verändert – SRF [^3]: KMU-Arbeitsmarktstudie 2025 – AXA Schweiz